Chronik 011 – Neithas Aufzeichnungen
Anwesend: Sethos, Tak, Kama, Amila, Horem, Neitha Schriftführer: Neitha
Hinterlegt in den Archiven des Ordens …
Ra ist bereits hinter den Horizont gesunken als ich nun diese Worte zu Papyrus bringe. Möge Neith meine Feder führen, auf dass ich wahrhaftig Zeugnis ablege von den Heldentaten dieses Tages.
Soeben bereitete ich mich auf die Reinigung des Heiligtums unserer heiligen Göttin Neith vor, als Tak von seiner Erkundung zurückkehrte. Er berichtete uns, dass die erwartete Karawane, der wir meinen geliebten Bruder Amenei zu entreißen gedachten, bereits am frühen Abend eintreffen werde. So befahl seine Hoheit, Prinz Sethos, uns umgehend für den Kampf zu rüsten und uns bereit zu halten. Der Plan war von schlichter Klarheit. Als Priesterin unserer Göttin, der dieser Tempel einst geweiht war, wurde mir die Ehre zuteil, unseren Feinden zuerst entgegenzutreten. Währenddessen würden Seine Hoheit, Amila, Horem und Kama im Verborgenen verweilen und auf den rechten Augenblick warten. Tak und seine Gefährtin Neomi bereiteten sich darauf vor, dem vordringenden Feind den Rückweg abzuschneiden, sodass wir jene Männer, die ohne Erlaubnis gesprochen und gehandelt hatten, ihrem gerechten Urteil zuführen konnten.
Mit aufrichtiger Zunge berichte ich ferner, dass der Gesang unseres Prinzen, mit dem er uns auf den Kampf vorzubereiten pflegt, an diesem Abend eine ungewöhnlich starke Wirkung entfaltete. Seine Worte schienen schwerer zu wiegen als gewöhnlich und erfüllten Herz und Geist gleichermaßen. Auch Tak erhob ein Gebet zu seinem Gott Kore und bat ihn, mir beizustehen in meinem Vorhaben, den falschen Priestern entgegenzutreten. Ich dankte ihm leise, doch aufrichtig und aus tiefstem Herzen, und begann noch im selben Moment, meinen Bruder in der Ferne wahrzunehmen. Sodann bat ich unsere Heilerin Amila stumm, sich so bald als möglich meinem verletzten Bruder anzunehmen. Auch sie richtete daraufhin ein Gebet an ihre Göttin Kuresi.
Möglicherweise täuscht mich meine Erinnerung, da meine Gedanken bereits vollständig dem kommenden Gefecht zugewandt waren. Dennoch will ich niederschreiben, was ich verspürte, damit die Schwestern nach mir darüber urteilen mögen. Es war mir, als würde eine kühle Nässe meine Haut streifen und sich schützend über mich legen. Möge Neith die Wahrheit meiner Worte bezeugen.
Alsbald traf nun also die Karawane ein und ein jeder nahm den ihm zugedachten Platz ein. Azim überbrachte den Soldaten einen neuen Befehl, verfasst und besiegelt von Horem, gemäß dessen sich die Männer neuen Aufgaben zuwenden sollten. Ich selbst verblieb an dem für mich vorgesehenen Platz. Als Priesterin der Göttin und Offizierin der Horusgarde war es meine Pflicht, sowohl das Heiligtum als auch den Plan unserer Gefährten zu schützen. Lange Zeit blieb alles still. Erst nach geraumer Weile vernahm ich die Schritte der Täuscher. Zwei von ihnen traten in die Haupthalle ein, während zwei weitere am Eingang zu verweilen schienen. Kaum hatten sie die heiligen Mauern betreten, warfen sie in ihrem widerwärtigen Verhalten die heiligen Insignien achtlos beiseite, die den Priestern des Horus zu eigen sind, und offenbarten ihre wahre Natur.
Da trat ich den Götzenanbetern entgegen, begleitet von — und auch in diesen Worten möge Neith Zeugin meiner Wahrhaftigkeit sein — einem schützenden Schattenpanzer Kuesis über mir und einem prachtvollen schwarzen Panther aus Schatten neben mir. Das mächtige Brüllen jenes Schattens hallte durch die Hallen des Tempels, erschütterte die Herzen meiner Feinde und erfüllte das meine zugleich mit Stolz und Mut. Meine Schwestern mögen mir verzeihen, wenn die folgenden Worte eher einer Tempellegende als einem Bericht gleichen. Doch vermag ich die Geschehnisse jenes Abends nicht anders niederzuschreiben, ohne ihrer Wahrheit Gewalt anzutun.
Fussel, Amilas kleiner Begleiter, begann den Kampf, indem er einen der beiden Täuscher mit seinem gefürchteten Blick belegte. Noch ehe jener sich sammeln konnte, traf ihn der Fluch des Unfugs. Der zweite wurde von Seiner Hoheit, Prinz Sethos, mit einem wohlgezielten Kopfschuss niedergestreckt. Die allmächtigen Götter müssen beschlossen haben, die Täuscher ihrerseits zu strafen, denn der gefällte Priester lebte noch einige Atemzüge weiter, nur um von der Lichtgestalt eines Falken in dessen Zorn in Fetzen gerissen zu werden. Besiegelt wurde sein Ende, als unser mutiger, kämpferischer Fussel sich ebenfalls auf ihn stürzte. Der Verfluchte wurde daraufhin von Horem angegriffen und schwer verwundet.
Noch immer fällt es mir schwer, all dies niederzuschreiben. Es schien mir, als hätten die Allmächtigen beschlossen, unserem Kampf ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Die Macht, die in jenem Augenblick durch meine Gefährten wirkte, und das Wohlwollen der Götter gegenüber unserem Vorhaben erfüllte mich gleichermaßen mit Ehrfurcht und Demut. Für einen Augenblick stand ich reglos da, als hätte das Eis meiner eigenen Magie meine Glieder umschlossen.
Erst das Winseln zu meinen Füßen riss mich aus meinen Gedanken und ließ mich näher treten. Der Verfluchte lag vor mir und flehte um Gnade. Als Offizierin der Horusgarde kenne ich die Pflicht, die das Gericht über Schuldige verlangt. Als Dienerin Neiths erkenne ich den Wert eines raschen Endes. So gewährte ich ihm die Gnade, um die er bat, durch die Schneide meiner Waffe.
Unserer Gegner entledigt, begab sich Horem nach draußen, wo Tak und Neomi den verbliebenen Männern gegenüberstanden. Ich folgte ihm ohne Zögern und konnte feststellen, dass unsere panthaurischen Gefährten in besonderem Maße gesegnet zu sein schienen, denn auf einem Wagen nahe des Tempels ruhte ein gewaltiger Panther. Nicht aus Schatten gewoben wie jener, in dessen Gegenwart ich zuvor kurzzeitig verweilen durfte, sondern von Fleisch und Blut — ein Geschöpf von solcher Erhabenheit, dass ich sicher war, den Gott Kore selbst in seiner irdischen Gestalt zu erblicken.
Die beiden verbliebenen Götzenanbeter lagen bereits erschlagen vor dem Eingang des Tempels. Ihren Wunden nach zu urteilen, waren Tak und Neomi mit großer Schnelligkeit und bemerkenswertem Geschick vorgegangen. Kaum hatten Horem und ich sie erreicht, brachten sie auch den letzten ihrer Gegner zu Fall. Erst später erfuhr ich, dass sie sich insgesamt vier Feinden gestellt hatten. Mögen meine Schwestern dies zur Kenntnis nehmen und den Mut jener ehren, die an diesem Abend an unserer Seite kämpften.
Nachdem der Kampf schnell und ruhmreich beendet wurde und keiner unserer Gefährten auch nur die geringste Verletzung davongetragen hatte, begab ich mich unverzüglich zu jenem Wagen, aus dessen Innerem ich die Gegenwart meines geliebten Bruders vernahm. Respektvoll und ehrfürchtig dankte ich zunächst Kore für seinen Schutz. Erst nachdem er sich zurückgezogen hatte, wagte ich es, nach Amenei zu sehen. Was ich erblickte, ließ Furcht mein Herz und meinen Geist ergreifen.
Mein Bruder befand sich in beklagenswertem Zustand, und für einige Augenblicke vergaß ich alles um mich herum. Die Erleichterung des Sieges, die Gegenwart meiner Gefährten und selbst die Segnungen der Götter traten vor meiner Sorge zurück. Ich nahm kaum wahr, dass Amila ihrem Versprechen ohne Zögern nachkam und sich höchst fürsorglich um Amenei kümmerte. Ebenso wenig bemerkte ich, wie Tak mich behutsam zur Seite führte. Was ich jedoch sehr wohl vernahm, war eine raue Zunge auf meiner Stirn, die mich aus meinen sorgenvollen Gedanken zurück in die Gegenwart holte. Noch immer vermag ich kaum zu glauben, was darauf folgte.
Nachdem Tak meine irrenden Gedanken zurückgerufen und die Furcht in meinem Herzen gelindert hatte, wurde mir bewusst, dass mich die ganze Zeit über eine Macht umgeben hatte. Zunächst hatte ich sie kaum bemerkt, so selbstverständlich hatte ihre Gegenwart mich erfüllt. Doch nun begann sie sich von mir zu lösen, und mein Herz folgte ihr voller Sehnsucht. Ich spürte jener Macht nach, als sie in den heiligen Tempel unserer Göttin zurückkehrte, dem nun eine Quelle entsprang. Klar und rein strömte ihr Wasser durch die Hallen und spülte jeden Makel, jede Spur der Entweihung und jeden Rest der Verderbnis hinweg. Als das Wasser den Tempel verließ, versickerte es im Sand der Wüste und ließ dort, schneller als es hätte sein dürfen, eine grüne Oase erblühen.
Noch während ich voller Ehrfurcht dieses heilige Wunder betrachtete, erhob Seine Hoheit, Prinz Sethos, seine Stimme zum Gesang. Welche Worte er sang, vermag ich nicht mehr zu sagen, denn ihre Schönheit überstieg mein Erinnerungsvermögen. Unter ihrem Klang schien das Land in Freude zu erwachen. Das Grün breitete sich weiter aus und die Oase wuchs. Die Melodie drang bis in mein Innerstes vor und ich verspürte den Wunsch zu tanzen.
Nicht aus Übermut oder Stolz. Sondern aus Dankbarkeit und zum Ruhme Neiths. Zum Wohlgefallen aller Allmächtigen, die uns an diesem Tag zur Seite gestanden hatten. Und auch zur Freude meiner Gefährten, die ich vom heutigen Tage an wahrhaft zu meinen Freunden zählen darf.
Ehrfurcht, Dankbarkeit, Stolz und zugleich Demut erfüllten gleichermaßen mein Herz, als meine Füße wie von allein der Melodie über das weiche Grün folgten. Es war mir, als bewegte ich mich durch einen Traum, und innerhalb eines einzigen Wimpernschlages verschwand die Welt um mich herum.
Ich fand mich auf einer glatten Wasserfläche wieder, die sich bis zum Horizont erstreckte. Feine Tropfen aus Eis schwebten in der Luft und umgaben mich wie kostbare Edelsteine. Zugleich erfüllte eine Gegenwart den Ort, die mächtiger war als alles, was ich jemals erfahren hatte — und als mir dies bewusst wurde, erkannte ich sie.
Unsere hoch verehrte Göttin, Neith selbst.
Noch während ich diese Worte niederschreibe, erzittert meine Hand bei der Erinnerung daran.
Ihre Gegenwart war ehrfurchtgebietend. Klarer als je ein Wind, Wasser oder Stein jemals zu spüren wäre, umgab sie mich.
Und sie sprach zu mir. Sie dankte mir für die Befreiung ihres Tempels und für meinen aufrechten Glauben.
Mir.
Diesen Gedanken niederzuschreiben erfüllt mich noch immer mit tiefer Demut.
Dann überreichte sie mir eine heilige Waffe, auf dass ich sie künftig ihr zu Ehren führe. Als ich vor ihr niederkniete und die geweihte Glefe entgegennahm, spürte ich erneut das Gras unter mir. Ich war zurückgekehrt.
Meine Gefährten hatten weder meine Reise im Geiste noch die Gegenwart unserer Göttin wahrgenommen. Dennoch hörten sie mir später aufmerksam zu, als ich ihnen voller Stolz von dem Erlebten berichtete, wie ich nun auch diesen Bericht jener Ereignisse niederschreibe.
Dank Amilas Kunst und Fürsorge kann ich ferner berichten, dass Amenei sich vollständig erholen wird. Wir brachten ihn heim zu unserer Familie, wo Mutter und Großmutter seine weitere Pflege übernehmen werden.
Zugleich werden sie künftig über den Tempel der Neith wachen und seinen Wiederaufbau beaufsichtigen, bis er erneut in jener Würde erstrahlt, die unserer Göttin gebührt.
Unsere eigene Reise wird indes bald fortgesetzt werden, denn unser Ziel liegt noch fern. Doch mein Herz ist leichter als zuvor, denn ich habe mit eigenen Augen gesehen, dass die Götter ihre Diener nicht vergessen. Ich habe die Stimme meiner Göttin vernommen und ihre Gnade empfangen. Und so zweifle ich nicht daran, dass unser Weg uns letztlich zum Pharao und seinem Gefolge führen wird, nach denen wir suchen.
Mögen die Allmächtigen weiterhin über uns wachen, unsere Schritte lenken und unsere Pfade mit ihrem Licht erhellen.
Möge Neith über uns ihre schützende Hand halten.
So endet mein Bericht.